Gott spricht:
Sie werden weinend
kommen, aber ich will sie
trösten und leiten.

Jeremia 31,9
Monatsspruch für November

Was tröstet wirklich?

Kindertränen kommen plötzlich und heftig. Ein Anstoßen, ein Kratzer – bei jedem kleinen und großen Schmerz kullern dicke Tränen aus großen Kinderaugen hervor. Und der Schmerz, so klein die Ursache auch ist, wird riesengroß empfunden, so als ob alle Lebensfreude verflogen ist, kein Platz mehr für Lachen, nur noch Schmerz.
Um so erstaunlicher, dass es ein Mittel gibt, das bei Kindertränen hilft und das in kürzester Zeit. So habe ich es als Mutter bei meinen Kindern erlebt: eine liebevolle Umarmung und ein Tröstelied: „Heile, heile Gänschen, ist ja wieder gut, Lilli/Bruno (die Kuschultiere meiner Kinder) hat ein Schwänzchen, ist ja wieder gut. Heile, heile Mausespeck und den Schmerz, den pust' ich weg, heile, heile Mausespeck und der Schmerz ist weg!“
Und tatsächlich: In den meisten Fällen war der Schmerz dann weg wie durch Zauberei.
So schreibt Sabine Drecoll in „Von Gott kommt mir Hilfe“, Calwer Verlag

Da tun wir „Erwachsenen“ uns schwerer. Wenn wir Schmerz empfinden, dann schreien wir das nicht mit lautem Weinen hinaus. Selbst dann nicht, wenn wir fürchten, dass der große Schmerz „nie mehr vorbei geht“ und wir uns „nie mehr freuen“ können. Viel eher reißen wir uns zusammen und wollen auch gar nicht, dass irgend jemand „Heile, heile, Gänschen...“ singt. Vielleicht lebt ja Mutter auch schon lange nicht mehr, und diese wohltuende Nähe von Mutter oder Vater scheint mir verloren.
Und wirklicher Trost ist wohl auch mehr als ein Kinderlied; zumindest aber mehr als „Vertröstungen“, welcher Art auch immer. Den Menschen, denen dieser Text aus Jer. 31 galt, denen ging es nicht gut. Sie waren aus der Heimat verschleppt, ins Land Babylon deportiert und sie saßen an den Flüssen in Babel und weinten, ihre Musikinstrumente waren verstummt. Psalm 137
Doch kein Geringerer als Gott selbst redet zu ihnen, wie ein liebender Vater, durch Jeremia seinen Prophet.
Was tröstet wirklich?
Wirklicher Trost bedeutet „nicham“ - das hebräische Wort für „trösten“. Und das meint in der Grundbedeutung „heftig atmen“. Echter Trost bedeutet also, dem anderen so nahe sein, dass er meinen und ich seinen Atem spüre. In die Arme nehmen, und das verzweifelt schnelle oder unruhig schluchzende Atmen spüren, zulassen, und aushalten.
Wenn ich Gott oder einem anderen Menschen erlauben kann, mir so nahe zu kommen, mich zu umarmen und fallen zu lassen. Dann geschieht Trost. So will Gott trösten und den verzweifelnden Menschen wieder aufrichten. Wieder aufatmen und durchatmen, das ist Trost.
Nur wenn ich Gott und den Menschen traue, kann ich diese Nähe zulassen und wünschen und wollen. Unser deutsches Wort „Trost“ ist schließlich verwandt mit den Begriffen „treu“ und „trauen“. Ich denke, Gott ist mir treu, darum kann ich ihm trauen - mich ihm auch anvertrauen! Auf diese Weise lindert die tröstende Umarmung Gottes nicht nur meinen Schmerz, sondern gibt mir auch einen neuen Ausblick. Gott tröstet, indem wir gemeinsam den Schmerz „wegatmen“ und ein Ausweg sichtbar wird. „Ich will sie trösten und leiten“, so verspricht es Gott seinem Volk damals und uns heute.
Also, in dieser nun dunklen Jahreszeit mit seinen Trauer-Festtagen, nicht weiter „abschotten“ - „einigeln“, lieber „ausheulen“ und wieder aufbrechen in die Zukunft.

Ihr/euer Volker Sturm